
Ich höre auf der Fahrt nach Stendal Michael Jackson's "History", zwei Stunden lang singt, steppt und johlt er aus den Lautsprechern. Manchmal bekomme ich Gänsehaut, und das liegt nicht nur an der Klimaanlage. Wo sind die Stars von heute im Musik-Business, die so unverhohlene Gutmenschenlieder wie "Man in the Mirror" oder den Earth-Song zum Besten geben? Wie war das damals? Zigtausende singen alle gemeinsam auf einem Konzert "Heal the World", und keiner kommt sich dabei komisch vor? Heutzutage fast unvorstellbar.

Stendal ist nett, angenehm, norddeutsch - zumindest für meine süddeutsch-bayrischen Augen. Das Stadtbild ist geprägt von einem baulichen Dreiklang, der sich am besten so beschreiben lässt: Backstein-Fachwerk-Ruine, Backstein-Fachwerk-Ruine, ... . Was auffällt: Die Stadt ist eher weitläufig angelegt, mit viel Platz zwischen den Häusern, ganz anders als man es von den verwinkelten Gassen und eng zusammengepferchten Häusern der Regensburger Altstadt kennt. Vieles erinnert mich rein architektomisch z.B. an Riga, eine Stadt die ebenfalls in der Hanse war. Man merkt, wie stark kulturell verbunden der nordeuropäische Raum um Ost- und Nordsee einmal war.

Die Stadt liegt übrigens (für den, der es noch nicht weiß) in Sachsen-Anhalt, dem selbsternannten "Land der Früh-Aufsteher", wie man auf den Schildern an der Autobahn lesen kann. Land der Frühaufsteher? Klar, weil jeder zwei Stunden zur Arbeit fahren muss, oder?

Im Supermarkt werde ich Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen zwei Frauen. Es dringen Worte wie "Nutte", "Schlampe" und "Fotzenfrau" an meine zarten, unschuldigen Öhrchen. Eine Edeka-Frau geht dazwischen und versucht zu schlichten. Vergebens. Ich sehe: Eine der beiden Kontrahentinnen ist einen Kopf größer als ich, hat nur noch die Hälfte der Zähne, aber einen Bartwuchs der meinem in nichts nachsteht. Ich habe den Eindruck, sie weiß wie man kämpft. Und sie ruft "Ich warte dann schon mal draußen".

Ich hatte mir Stendal als erste Station ausgesucht, weil nach meinen Berechnungen Stendal diejenige Stadt in Deutschland ist, die, in welche Richtung man auch immer fährt, am weitesten von einer Autobahn entfernt ist. Leider haben sich ein paar Fehler in die Berechung eingeschlichen (sinus und cosinus verwechselt, außerdem nach gregorianischem Kalender gerechnet), und wie ich jetzt weiß, gebührt der Titel "autobahntechnisch am meisten abgeschnitten vom Rest der Republik" der Stadt Salzwedel. Dort ist's sicher auch schön.

Landschaftlich gefällt es mir hier gut. Zwar alles sehr flach, aber die Weitläufigkeit ist angenehm. Und beim satten, warmen Abendlicht kommt fast italienisches Flair auf. Die Natur wuchert sehr üppig. Brachliegende Felder und Wiesen und alter Baumbestand (richtig knorrig und verwachsen) entlang der Straßen verstärken den Eindruck, man befinde sich ganz woanders.