Mittwoch, 8. Juli 2009

Extremisten auf dem Vormarsch

Ich habe lange suchen müssen, bis ich auf meiner Reise tatsächlich auf Extremisten vom äußeren politischen Spektrum aufmerksam geworden bin. In Berlin habe mehr durch Zufall ihre Zentrale gefunden und habe mutig diese Aufnahme gemacht.


Es überrascht nicht sonderlich, dass gerade in der Provinz die Idee von "gluten-freien Zonen" auf besonders fruchtbaren Boden fallen, wie dieses Beweisfoto aus Ueckermünde nahe der polnischen Grenze belegt. Die ahnungslose Touristen haben gar keine Vorstellung, in welcher Gefahr sie sich eigentlich befinden.

Das kann man sich heute eigentlich gar nicht mehr vorstellen

Am Berliner Alexanderplatz ist noch bis 14.November die open-air Ausstellung zu "20 Jahre Mauerfall". Sehr sehenswert! Neben ganz viel schlimmer End-80er-Jahre Mode (Frisuren, Klamotten und Brillen zum Wegglaufen) kann man sich sehr detailliert nochmal die damals ablaufenden Ereignisse in Erinnerung rufen.

Vieles von dem, was damals passiert ist, hatte ich bereits auch wieder vergessen: Wahlbetrug im Mai89, Friedensdemonstrationen, Ausreise über die Grüne Grenze, Sonderzüge über DDR-Gebiete, Stasi-Gewalt, die zum Zerreissen geladene Spannung im Land, die Vernichtung von Stasi-Akten und die mutige Besetzung von Stasizentralen, der "Runde Tisch", erste Freie Wahlen etc.

Man findet auch etliche politisch aktive Personen von damals wieder (die zum Großteil alle in der Versenkung verschwunden sind). Einer von diesen, also den unter den vielen zu sehen, das hatte mich überrascht: Jan Josef Liefers.

Samstag, 4. Juli 2009

Gedanken eines Campers

Ich bin etwas verwundert, wie viele ältere Menschen heutzutage campen. Oder anders ausgedrückt: bis auf ein weiteres Päarchen sind keine Leute um die 30 zu finden. Und dazwischen klafft eine große Alterslücke.

Versteh das nicht ganz, denn soweit ich mich erinnere war das vor 10 Jahren noch anders. Schließlich ist es im Sommer eigentlich eine preisgünstige Alternative, zusammen mit Frühstück haben mich zwei Übernachtungen weniger als 20 Euro gekostet. Seltsam.

Gibt es eigentlich Sonnencreme, in der Mückenabwehr integriert ist?

Es gibt hier erstaunlich wenige blutsaugende Mücken, wenn man beachtet dass man sich auf einer „Seenplatte“ befindet.

Ich habe heute eine Radtour mit geliehenem Rad gemacht. Dabei habe ich zu meiner Überraschung tatsächlich die Kohl'schen „Blühenden Landschaften“ gefunden: In Rapsfeldern wachsen Mohn, Kornblume und Kamille.

Vorgestern Abend im Gasthaus „Wald-Eck“: Ich habe die Wahl zwischen einem Platz auf der Terrasse mit Proleten-Familie als Tischnachbarn, oder einem Platz im Inneren und Beschallung mit Renter-Musik. Habe mich für Drinnen und NDR-1 entschieden, damit laufe ich nicht Gefahr, dass meine Missachtung durch Schläge quittiert wird.

Neu dazugelernt: „Zigeneuer-Schnitzel“ unterliegt regionaler Interpretation. Hier in Mecklenburg handelt es sich um ein paniertes Schweineschnitzel, auf dem klein geschnittene Bockwurst aufliegt, die zuvor mit Zwiebel, ein bisschen Paprika und einer Art „süß-sauer“ Soße in der Pfanne gebraten wird. Fett on Top of Fett. Und ich hab's eigentlich nur wegen der Kroketten bestellt.

Im „Wald-Eck“ (wirklich versteckt) hatte ich Null Handy-Empfang. Gestern Abend im Hotelrestaurant sogar UMTS. Beide Lokale liegen nur 100m von einander entfernt. Seltsam.

Nachfrage beim Campingpersonal hat ergeben: Die Mücken sind zur Zeit deshalb kaum da, weil es in den letzten Wochen zu trocken war. Dafür kamen sie bereits im warmen April in Heerscharen.

Dabei fällt mir noch ein Nachtrag zu Stendal ein: Das ist die Stadt, die mit den geringsten Niederschlag in ganz Deutschland hat.

Ich habe noch immer keine Nazis gefunden. Eigentlich bin ich der einzige der hier mit ganz kurzen Haaren rumläuft.

Nächste Station: Berlin. Nach fünf Tagen Provinz brauch ich mal wieder was "gescheites".

Donnerstag, 2. Juli 2009

Luther regt sich auf

Von Stendal (war übrigens Hansestadt) aus geht’s zur Mecklenburgischen Seeplatte, bewusst über Landstraße und kleine Orte. Wer die Route verfolgen will: Stendal- Wittenberge - Bad Wilsnack - Havelberg - Bad Wilsnack - Neuruppin - Rheinsberg - Canow.

Sobald man durch ewig lange Alleen fährt weiß man: man befindet sich in Brandenburg. Spezielle Hinweisschilder warnen vor den Gefahren wild umherspringender Bäume, die im schlimmsten Falle auch für Autos nicht Platz machen wollen.

Auf der Reise begegnet mir immer wieder auch Regensburg in der einen oder anderen Form. Das erste mal in der Stephanskirche in Tangermünde (auch Hansestadt). Deren Restaurierung wurde/wird aus dem gleichen Denkmalschutztopf finanziert, mit dem auch die Arbeiten an der alten Kapelle in Regensburg bezahlt werden. Und nebenbei auch noch ein anderes Projekt in Plön, einem weiteren geplanten Etappe.

Das zweite Mal dann in Bad Wilsnack, einem ehemaligen Wallfahrtsort. Angeblich sollen bei einem Kirchenbrand im 12. Jhdt. drei Hostien unbeschadet das Feuer überlebt haben. Durch dieses Blutswunder (die Hostien waren mit rot verkrustetem Blut überzigen) wurde Wilsnack zu einem bedeutenden Wallfahrtsort. Pilger konnten sich sogenannte Blutsorden kaufen, als Beweis der erfolgreichen Wallfahrt. Der Handel mit und um die Blutsorden gewann über die Jahre rapiden Schwung, Wallfahrten wurden zu einem einträglichen Wirtschaftszweig. Zeitweise bestand der ganze Ort nur aus Wirtshäusern, um die ganzen Pilgerströme unterzubringen.

Luther schließlich prangerte diese Scharlatanerie und die damit verbundene finanzielle Ausbeutung der Gläubigen an. Es gab noch mehrere solcher Auswüchse wie in Wilsnack, und Luther nannte in einem Text auch explizit Regensburg. (Zur Erinnerung: das komplette jüdische Viertel wurde damals in Rgbg platt gemacht, an dessen Stelle wurde auf dem heutigen Neupfarrplatz die Neupfarrkirche gebaut bzw. geplant. Diese neugebaute, ursprünglich katholische Neupfarrkirche wurde von der bald zum Protestantismus gewechselten Stadt Regensburg evangelisch gemacht.) Letztlich führte der schamlose Ablasshandel schließlich zur Glaubensspaltung und zur Reformation. Wie sehr doch alles miteinander verbunden ist.

Soviel zum Exkurs in die Vergangenheit. Mittlerweile sind mir drei Dinge abhanden gekommen:
1.) Akkuladegerät für die Kamera; wohl schon in Leipzig verloren.
2.) Schlüssel für meine erste Unterkunft in Stendal. Da kam noch eine kleine Extrabelastung auf mich zu
3.) Die Orientierung, als ich wegen einer unerwarteten Baustelle eine Abkürzung durch die Felder gesucht habe, anstatt der ausgeschilderten Umleitung zu folgen. Trotz GPS hatte diese Abkürzung gut 45 Minuten gedauert.

Meine Unterkunft in Canow gehört Bodo Straubel, einem ehemaligen Radprofi aus der DDR. Ich habe das Saunazimmer bekommen, und es riecht aromatisch angenehm nach Fichtenholz und ätherischen Ölen.

Als Lektüre für die erste Woche lese ich mich durch „Aufstand der Jungen“ von Wolfgang Gründinger. Es bietet eine fundierte Einführung darin, wie unsere Staatsfinanzen funktionieren, wie der Generationenvertrag zu verstehen ist, worin das eigentliche Problem der vermeintlichen „Überalterung“ besteht, und welche Vorteile die Umlagefinanzierung von Renten gegenüber einer kapitalbasierten Finanzierung hat.

Morgen gehts weiter an die Mecklenburgische Seenplatte, und dann ist erstmal Camping angesagt.