
Schon mal gewundert, was die kleinen schwarzen Plakate mit grün-weißem Schriftzug bedeuten sollen, die momentan an Wänden und Litfaßsäulen hängen? Ich kläre mal schnell auf: Das ist Teil der Kampagne des Aktionsbündnis Fair-Feiern. Damit soll an das Verantwortungsbewusstsein der Partygänger erinnert werden, doch nächtens in den Gassen leise zu sein, wie auch hier(MZ) und hier und nachzulesen ist. Aha.
Es wird doch kein Mensch ernsthaft glaubt, dass sich einer der nächtlichen Schreihälse oder angeschicksten Kreischtanten im Rausch diesen Spruch noch weiß? Oder was damit beabsichtigt ist? Oder ihn gar befolgen wird? Geschweige denn je davon gehört hat.
Man muss ich vorstellen, von welcher Situation wir sprechen: sonst eigentlich sicherlich ganz verantwortungsbewusste Menschen fallen betrunken, durch laute Kneipenmusik sowieso auf erhöhtem Lautstärkelevel eingepegelt, aufgedreht und in bester Partystimmung in die Gassen der Altstadt. Wie naiv muss man sein zu glauben, dass sich irgendwer daran erinnern wird, ein bisschen runterzudrehen?
Neben dem offensichtlichen Denkfehler hat diese Kampagne aber auch handwerkliche Mängel: Die Plakatierung ist nicht präsent genug. Ein etwa 60cm großes Plakat (das ist ein Miniformat!) fällt kaum auf. Und dann sind sie auch noch an so "präsenten" Stellen wie dem Alleestück zum Bahnhof oder in der Puricellistraße geklebt. Also praktisch genau dort, wo dann eh schon jeder halb zuhause ist. Da ziehen vielleicht die Bierdeckel und Buttons, die in den Kneipen verteilt sind, noch besser. Aber mal ehrlich, wer pinnt sich schon einen frommen Spruch an die Jacke?
Wenn diese Aktion also keine große Veränderung bringen wird, für wen ist dann sie dann gemacht ? Wer findet diese Kampagne denn gelungen? Im wesentlichen sind es folgende Gruppen:
Diverse Lokalpolitiker, denn die stehen mit Bild in der Zeitung und „tun was“, auch wenn dieses Tun nur daraus besteht, mit Bild in der Zeitung zu stehen.
Die Werbefirma, die diese „pfiffige Guerilla-Kampagne“ mit aus der Taufe gehoben hat, denn so was ist schießlich deren täglich Brot und bringt Geld in die Kassen, es ist deren Job.
Die Gastronomen, weil das ein schönes Feigenblatt ist, mit dem sie sich schmücken können und das trotzdem nicht weh tut; also umsatztechnisch gemeint ohne schmerzvolle Verluste.
Viele andere Leute, die nicht in der Altstadt wohnen und nur eine vage Vorstellung davon haben, wie es hier so zugeht; und denen geht’s eh gut in ihrem ruhigen Bettchen.
Also alles Leute, die diese Aktion gut finden, weil sie sie gut finden wollen oder müssen. Am echten Problem geht die Aktion vorbei, und eine effektive Änderung wird damit nicht erreicht werden. Das ganze ist also für die Katz.
Zu negativ und einseitig? Okay, ich bemühe mich demnächst um eine differenziertere Sicht der Dinge. Denn zugegeben, das Spannungsfeld ist komplexer als man denken möchte.
Aber zurück zur Kampagne. Nach dem Zitat „Die eigene Freiheit endet da wo die Freiheit des anderen beginnt“ ist der Ansatz von Fair-Feiern schon richtig. Aber das Zitat muss sich der realen Welt stellen, und da wird es schnell feststellen, dass diese sich wenig drum kümmert, wie es idealerweise aussehen sollte. Der Wind weht zu rau für manches Feigenblatt. Leider.

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